Wagenparade vereint: „Wir wollen alle Rudolstädter wieder an einen Tisch kriegen“
OTZ vom 26.10.2026
FUNKE Mediengruppe


Wagenparade vereint: „Wir wollen alle Rudolstädter wieder an einen Tisch kriegen“
In Rudolstadt laufen die Vorbereitungen für den Karnevalsumzug. Ein junges Team packt dafür selbst an und will einen Wagen bauen.
Kater Carlo hat seinen Platz schon gefunden. Mitten auf der Ladefläche des Hängers sitzt das tierische Maskottchen und schaut zu, als könnte es jeden Pinselstrich persönlich überwachen. Rundherum wird geschraubt, gemalt und geklebt. Vor einem Garagenkomplex in Cumbach entsteht ein Wagen, der beim Rudolstädter Karnevalsumzug im November erstmals für das Festkomitee Rudolstädter Karneval (FRK) mitrollen soll.
Immer wieder bleiben Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer stehen. Was hat es mit dem bunten Gefährt auf sich? Die Neugier ist groß und genau darum geht es Thomas Melior und Franz Röder auch. Die beiden haben das FRK 2024 neu gegründet, um die zehn Karnevalsvereine aus Rudolstadt und Umgebung besser zusammenzubringen. Nun bekommt der Zusammenschluss erstmals einen eigenen Wagen.
Erst wurde der Umzug zurückgeholt, jetzt wird aufgebaut
„Wir wollten alle Rudolstädter wieder an einen Tisch kriegen“, sagt Melior. Zehn Vereine, unzählige Meinungen und Hunderte Mitglieder unter einen Hut zu bringen, sei schließlich keine Selbstverständlichkeit. Der Dachverband solle deshalb nicht nur den gemeinsamen Umzug organisieren, sondern auch die Interessen der Vereine gegenüber Stadt und Verbänden vertreten.
In den vergangenen Jahren konzentrierte sich das närrische Treiben beim Umzug vor allem aufs Laufen. Nachdem die frühere Organisationsstruktur auseinandergebrochen war, stand zunächst eine andere Aufgabe als das Fahren im Vordergrund: „Wir haben uns erst mal darauf konzentriert, überhaupt wieder einen Umzug durch die Stadt stattfinden zu lassen“, erklärt Melior.
Inzwischen führt die Strecke wieder über rund anderthalb Kilometer durch die Innenstadt. Auf dem Marktplatz wartet nach dem Umzug ein Programm mit Tanzauftritten, Musik und Versorgung für die Besucher. Am 14. November soll dort auch wieder der symbolische Machtwechsel folgen. „Um 11.11 Uhr stürmt unsere Garde das Rathaus und nimmt dem Bürgermeister den Schlüssel ab“, kündigt Melior an.
Der eigene Wagen war der nächste Schritt. Die Idee, dass die Vereine nicht nur zu Fuß, sondern auch mit selbst gebauten Gefährten teilnehmen, soll den Umzug weiterentwickeln. Andere Vereine bringen ebenfalls eigene Wagen mit.
Für das FRK ist es allerdings eine Premiere und damit auch ein handwerkliches Experiment. „Das ist unser erster Wagen“, sagt Röder. Eine genaue Kostenrechnung gebe es bisher nicht. „Allein das Holz schlägt ordentlich zu Buche. Insgesamt liegt das Projekt im vierstelligen Bereich“, meint der 25-Jährige.
Kreativ arbeiten statt Feierabend auf dem Sofa
Gebaut wird vor allem am Wochenende. Die meisten Beteiligten arbeiten Vollzeit, dazu kommen weitere Vereinsaktivitäten. Trotzdem finden sich regelmäßig drei bis vier Helfer zusammen. Marie Melior kümmert sich an diesem Tag um Farben und Gestaltung, ihr Mann und die anderen übernehmen vor allem die handwerkliche Umsetzung. Auch Anna Sommer greift zu Pinsel und Kleber. „Ich studiere Grundschullehramt in Erfurt, tanze selbst in einem Karnevalsverein. Dieses Projekt unterstütze ich aus Überzeugung“, erzählt die angehende Lehrerin.
Für die Gestaltung nutzen die Beteiligten auch digitale Werkzeuge, um Ideen vorab zu visualisieren und Sponsoren einen Eindruck vom Ergebnis zu vermitteln. Die grundlegende Konzeption stammt aber aus der Gruppe selbst. Vieles entsteht direkt am Wagen.
Dass Menschen über Partner, Freunde und Familie zum Karneval kommen, gehört für die Beteiligten dazu. Marie Melior ist selbst nicht in erster Linie wegen des Karnevals aktiv. Sie begleitet die Veranstaltungen ihres Mannes mit Fotos und Videos für die sozialen Medien und hilft bei der Organisation im Hintergrund. Sommer wiederum ist durch Röder zum Projekt gekommen, bringt aber eigene Karnevalserfahrung mit.
Der Nachwuchs ist für das FRK ohnehin ein wichtiges Thema und nach Einschätzung Meliors eines, bei dem sich die närrischen Vereine weniger Sorgen machen müssen als andere Freizeitorganisationen. „Kinder können schon früh mitmachen, etwa in Tanzgruppen oder bei Auftritten. Man muss nicht erst eine besondere Begabung mitbringen“, sagt der 28‑Jährige. Viele würden in die Vereine hineinwachsen, nicht selten über die eigene Familie.
Für Röder liegt der Reiz des Karnevals vor allem in der Mischung aus Tradition und Vielfalt. Die Vereine teilen das Brauchtum, gestalten es aber unterschiedlich, mit Tänzen, Büttenreden, Show und Sketchen. Der Dachverband soll diese Eigenheiten nicht vereinheitlichen, sondern zusammenführen.
Kater Carlo wuselt derweil zwischen den Helfern umher und übernimmt schließlich selbstbewusst die Ladefläche. Ob er damit die Bauaufsicht beansprucht oder einfach nur den besten Platz gefunden hat, bleibt offen.
Funkemedien / Dirk Petermann
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